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Ein Ausflug unter die Erde: Schüler entdecken die Heimkehle
Die Heimkehle bei Uftrungen zählt zu den größten Karst-Schauhöhlen Deutschlands. Sie liegt an der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Thüringen, mitten im Naturpark Harz/Sachsen-Anhalt, eingebettet in den Südharzer Zechsteingürtel. Bekannt ist sie für ihre gewaltigen unterirdischen Hallen, ihre klaren Seen und eine Gedenkstätte, die an die Zwangsarbeit während der NS-Zeit erinnert. Außerdem ist die Höhle ein bedeutendes Winterquartier für Fledermäuse. Als Teil des Natura-2000-Netzes steht sie unter besonderem Schutz.
In der vergangenen Woche wurde die Heimkehle zum Klassenzimmer: Christel Zander vom Geopark Harz . Braunschweiger Land . Ostfalen begrüßte zwei zehnte Klassen des Gymnasiums Wilhelm von Humboldt Nordhausen, Esther Czymoch, Fachbereichsleiterin des Geoparks, und Christian Resow, Fachbereichsleiter des Naturparks Harz hießen vier sechste Klassen der Staatlichen Regelschule „G. E. Lessing“ Nordhausen willkommen. Die Schulen folgten einer Einladung des UNESCO Global Geoparks Harz . Braunschweiger Land . Ostfalen. An zwei Tagen erwartete die Kinder ein abwechslungsreiches Programm – gestaltet vom Geopark-Team, den Höhlenführern der Heimkehle und einem Ranger des Biosphärenreservats Karstlandschaft Südharz. Auch das neu gestaltete Infozentrum NaturErlebnisHöhle Heimkehle, das Ende Juni seine Pforten als neue Begegnungs- und Bildungsstätte rund um Umwelt, Natur, Artenschutz und Nachhaltigkeit öffnete, spielte dabei eine zentrale Rolle.
Erst Rohstoffspiel, dann Entdeckungstour
Das Team des HARZVERBANDS legte den Fokus auf Rohstoffe und Nachhaltigkeit: Bei einem Rohstoffspiel, das Esther Czymoch und Christian Resow mitbrachten, stellten die Kinder fest, dass Rohstoffe weltweit ungleich verteilt sind – und Recycling ein sinnvoller Weg sein kann, damit umzugehen.
Klassenweise ging es auf Entdeckungstour. Während eine Gruppe mit Helmen ausgestattet in die Höhle einfuhr, folgte die andere Ranger Raik Fleckstein nach draußen in die Natur und später ins neue Info-Zentrum. Er erklärte, wie ein Biosphärenreservat funktioniert, wie sich eine Karstlandschaft entwickelt und warum der Gips den Boden ständig verändert. Die Kinder erfuhren, dass Anhydrit die wasserfreie Form von Gips ist und dass sich durch die langsame Auflösung des Gesteins Höhlen und Erdfälle bilden. „Wir leben auf einem Schweizer Käse“, verglich Raik Fleckstein und wies auf die ständige Entstehung neuer Erdfälle hin. Auch der umstrittene Gipsabbau in der Region kam zur Sprache.
Auch der sogenannte Natureingang der Höhle wurde mit Sicherheitsabstand besichtig: Von ihm stammt der Name Heimkehle, weil er optisch an eine Kehle erinnert. Früher war er der Haupteingang für Besucher, heute dient er dem Fledermaus-Monitoring. Ein gespanntes, feines Netz fängt in der Höhle die Tiere kurzzeitig ein, damit sie bestimmt, vermessen und beringt werden können. Auch Höhlenforscher und Höhlentaucher sind hier regelmäßig im Einsatz.
Früher KZ-Außenlager, heute Gedenkstätte
In der Höhle selbst führte unter anderem Simone Kneißl durch die Dunkelheit. Sie demonstrierte, wie absolut finster es im Berginneren sein kann – bevor die Beleuchtung für den gewünschten Wow-Effekt sorgte. Die Heimkehle misst insgesamt 2136 Meter, verläuft sogar über die Landesgrenze nach Thüringen, doch nur 600 Meter der Strecke sind derzeit zugänglich. Der Rest bleibt den rund 4800 bis 5300 Fledermäusen vorbehalten, die hier jeden Winter einziehen – 15 Arten, darunter das Große Mausohr und die Mopsfledermaus.
Die Kinder erfuhren viel über die Geschichte des Ortes: Erste urkundliche Erwähnungen stammen aus dem Jahr 1357. 1920 wurde die Höhle als Schauhöhle mit elektrischem Licht erschlossen. Zwischen 1944 und 1945 diente sie als Außenlager des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora zur Rüstungsproduktion; ein unterirdischer See wurde damals mit Beton überzogen, große Eingänge für Lastwagen geschaffen. Die Höhle musste sich ständigem Wandel unterziehen, in dieser Zeit vor allem durch Menschenhand. Nach dem Krieg sprengten die Alliierten 1946 die unterirdischen Hallen. „Im Umkreis von fünf Kilometern hatten die Häuser keine Scheiben mehr“, so viel Dynamit sei zum Einsatz gekommen, berichtete Simone Kneißl. Seit 1954 ist die Höhle wieder zugänglich – dank Nordhäuser Heimatforschern, Höhlenfreunden, Uftrunger Bürgern und Firmen der Umgebung. Bei einem Besuch der Höhle steht heute sowohl die Geschichte der Höhle als auch die natürliche Geologie im Fokus der Führung. Zudem ist die Heimkehle auch Gedenkstätte für die Opfer des NS-Regimes.
Unterirdische Seen und Fledermausgeflüster
Häufig werde gefragt, warum man den Beton über dem See nicht entferne, berichtete Simone Kneißl. Das sei aus Denkmalschutzgründen verboten. „Aber irgendwann holt sich die Natur auch das wieder zurück“, meinte sie. Die Gruppen besuchten den kleinen und großen Dom, entdeckten den unterirdischen Thyrasee und hörten, dass die Höhle sich durch eindringendes Wasser ständig weiter auflöst – es ist eine sogenannte Laughöhle. Hochwasser hatte erst Ende 2023 vier Monate lang zur Schließung geführt.
Zum Abschluss wartete ein besonderes Erlebnis: die Licht- und Klanginstallation „Fledermausgeflüster“ im großen Dom. Farben und Silhouetten bewegen sich über das Gestein, begleitet von sanften Tönen – abgestimmt auf die Bedürfnisse der Tiere. Die Schüler waren begeistert. Bevor diese über den Stollen den Weg nach draußen antraten, warfen sie noch einen Blick in die Ausstellung. Hier erfuhren sie anhand von Fotos und Exponaten mehr über Vegetation in der Höhle, ihre Geschichte und das Thema Höhlenforschung.
So endeten zwei erlebnisreiche Tage zwischen Geologie, Naturkunde und Zeitgeschichte – voller Eindrücke, die sicher noch lange nachhallen.